Der Bibliotheksstuhl oder Warum ich dieses Jahr nicht auf der Buchmesse bin

Dieser türkisfarbene Stuhl ist ein Relikt aus einer Zeit, als man – und ich auch – es noch gaaaanz wichtig fand, sich mit möglichst vielen Büchern zu umgeben. Er ist handgetischlert und kam vor einigen Jahren als Erbstück zu mir. Anders als seine Vorbesitzer habe ich zwar weder hohe Decken noch eine geräumige Bibliothek, aber so ein Stuhl, der als Leiter fungiert, hatte es mir schon immer angetan. So fand er bei mir sein neues Zuhause. Und übernahm eine Rolle als Symbol – für mein gespaltenes Verhältnis zum gedruckten Buch und zu Events, die damit zu tun haben.

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Dass er mit seiner altmodischen Farbe dasteht, ohne dass ich den Drang verspüre, ihn optisch dem 21. Jahrhundert anzupassen, zeigt, dass er in meinem Haus nur eine Randexistenz führt. Meine Bücherregale erklimme ich bestenfalls zum Abstauben. Also selten. Die Fachliteratur steht im Arbeitszimmer, Romane und sonstige Trivialitäten liegen vor dem Weiterverschenken rund ums Bett aufgestapelt. Und sehr vieles leihe oder kaufe ich inzwischen nur noch als E-Book. Lesen ist für mich immer noch Lebensmittel, aber Papier zu horten habe ich aufgegeben. Allerdings gibt es ein paar geerbte Schätzchen (Dudensammlung – da lacht das Texterinnenherz!) und Flohmarktfunde, an denen mein Herz hängt. Ein paar habe ich heute mal zusammen mit dem Bibliotheksstuhl raus ans melancholische Herbstlicht getragen.

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Bücherherbst und alte Messe-Erinnerungen

Das Thema Bücher hat einen aktuellen Anlass. Denn morgen geht sie wieder los, die Frankfurter Buchmesse. Es ist fast so wie ein aufgeregtes Kichern vor dem Abschlussball, was da gerade in meinen virtuellen Netzwerken zu spüren und zu lesen ist. Kostprobe: das Buchmesse-Alphabet von KiWi.  Seit einigen Jahren verfolge ich nun auf Facebook und in Blogs, wer sich worauf freut und wer von wo berichten wird. Es ist so komfortabel: Hashtags verfolgen, vlogs gucken, Blogbeiträge lesen, ganz viel Spaß haben und Neues entdecken, und die Blasen an den Fersen haben die anderen! (Okay, okay, vor Ort zu sein ist natürlich etwas ganz anderes.)

Mein persönliches Buchmesseerlebnis ist so lang her wie der Mauerfall. Also ziemlich lang. Ich war Anfang zwanzig, also ziemlich jung, studierte Literaturwissenschaften und begann – nicht unbeeinflusst vom intellektuellen Ehrgeiz meiner damaligen Peergroup -, in die Welt der französischen Literatur und Philosophie einzutauchen. Derrida, Foucault, das war der ganz große Hype. Und Bücher sammeln als Zeichen angehäuften Wissens stand für mich, wie gesagt, hoch im Kurs. (Vieles verstaubt bis heute ungelesen, aber ich weiß immerhin, dass ich nichts weiß.)

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1989 war Frankreich Gastland auf der Buchmesse („Ehrengast“ heißt das heute), hingehen war also ein Muss für Romanisten. Die Frankfurter Messehallen, übervoll mit Verlagsständen und kulturellen Darbietungen, erschienen mir gewaltig. Bücher anfassen, blättern, entdecken, das hatte etwas Magisches. Ein Gefühl, das mich in guten Buchhandlungen oder Museumsshops auch heute noch überkommt – nur in XXL. Jedenfalls ahnte ich als angehende Geisteswissenschaftlerin nicht, dass ich mir in denselben heiligen Hallen wenige Jahre später wieder die Hacken wundlaufen würde – als Fachbesucherin von Lifestylemessen auf der Suche nach Trends und Neugeschäft. Das hatte – bis auf lyrische Pressetexte – dann nicht mehr viel Literarisches an sich. Das Prinzip war dasselbe geblieben: stöbern, plaudern, Kontakte knüpfen, Werbematerial einpacken. Gefühlt wurden die Arme im Laufe des Tages immer länger, die Beine immer kürzer. Schön war’s.

Nächstes Jahr will ich wieder hin

Nun bin ich ja nach wie vor begeisterte Leserin und auch beruflich habe ich zuweilen mit dem Buchmarkt zu tun. Ich will/ müsste/ sollte also mal wieder hin! 2016, oder doch erst 2017? Mit meinem Buchmesseplänen verhält es sich ein bisschen wie in einem Kalauer aus Sowjetzeiten, den ich mal in Moskau aufschnappte – wenige Monate nach dem Buchmessebesuch übrigens: „Ich will mal wieder nach Paris!“ „Warst du denn schonmal dort?“ [Anm. d. Red.: 1990 ein Ding der Unmöglichkeit!] „Nein, aber ich wollte schonmal hin!“ Was also könnte mich motivieren, es nächstes Jahr nicht nur zu wollen, sondern auch zu tun?

Für 2016 fällt mir gleich ein triftiger Grund ein: Dann soll das neue Buch einer guten Freundin erscheinen. Das Manuskript ist gerade fertig geworden und ich bin richtig stolz. Auf meine Freundin, aber auch darauf, dass ich sie beim Schreiben begleiten und coachen durfte. (Zwischen welchen Stühlen wir da gesessen haben und worum es in dem Buch geht, erzähle ich euch aber ein andermal.)

Und 2017? Na klar, erst recht! Denn dann ist – erstmals seit 1989 – wieder Frankreich in Frankfurt zu Gast. Endlich könnten wir wieder gemeinsam da sein! Frankreich freut sich sicher schon wie Bolle. Auf mich. Soll ich?

EDIT Oktober 2017: Wieder nicht geschafft…

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