Geschnitten oder am Stück? Glaubensfragen rund ums Brot

Als ich die Idee zu einem Beitrag über Brot hatte, war ich gerade unterwegs und konnte mir keine Notizen machen. Also flüsterte ich der Spracherkennung meines Smartphones zu: „Brot ist ein Lebensmittel…“ Und was macht die Dame draus? „Prothesen-Lebensmittel“! Ein Lacher. Und irgendwie passend. Tatsächlich liebe ich Butterbrot über alles, so wie andere vielleicht Pasta, Nüsse oder Schokolade. Wie eine Prothese ist das Butterbrot mir eine echte Stütze im Alltag und willkommener Ersatz, wenn die Zeit fehlt, um etwas „Richtiges“ zu kochen. Es ist es also wert, dass ich mir um den Umgang mit ihm ein paar Gedanken mache, oder?

Das Brot von gestern ist auch morgen noch alt

Selbst in unserem essfreudigen Haushalt kommt es vor, dass ein Brotlaib mehrere Tage lang ungegessen überlebt. Meistens betrifft es diese latent trockenen Graubrotsorten, die man kauft, wenn der Bäcker kurz vor halb sieben nichts anderes mehr hat. Auch kürzlich wieder. Alt liegt neben neu in der Brotschublade und einer meiner Mitbewohner greift zielsicher nach dem frischen Brot. Ich also, in mahnendem Ton: „Halt! Nicht das neue Brot anschneiden, es ist noch altes da.“ Mitbewohner, verständnislos: „Wieso? Das ist doch morgen auch noch alt!“ Stimmt. Man stelle sich vor: Wir essen zuerst das alte weiter, schaffen es womöglich nicht ganz, und dann wäre morgen das andere Brot auch noch alt!? Eine grauenhafte Vorstellung. Gestaltete Sinnsprüche sind ja nicht so meins, aber „Das Brot von gestern ist auch morgen noch alt“ könnte ich guten Gewissens rahmen und an zentraler Stelle aufhängen (oder mit dem Brennkolben ins Schneidbrett kalligraphieren). Es ist die Brot gewordene Essenz von „Carpe Diem“ – sieh zu, dass du dir heute das Beste schnappst. Wer weiß, was morgen auf den Tisch kommt.

Alles hat ein Ende, nur das Brot hat zwei

Mittlerweile gehört es ja zum Standardangebot von Bäckereien, Brot auf Wunsch des Kunden aufzuschneiden. Als ich vor ein paar Jahren eine Verletzung an der rechten Hand hatte, wusste ich diesen Service sehr zu schätzen. Aber sonst? Fast immer kaufe ich „am Stück“. Und nicht, weil das Brot sonst etwa leichter austrocknen oder gar schimmeln könnte. Ich glaube, ich brauche einfach dieses Ritual des Anschneidens. Etwas Neues zu versuchen. Am liebsten gleich pur von der Hand in den Mund. Offensichtlich wünschen sich auch weitere Personen in meinem Haushalt diesen besonderen Moment: Klammheimlich schneiden sie das Brot von der anderen Seite nochmal an und schieben es wieder zurück in die Tüte.
Natürlich ist das frische Endstück besonders knusprig, aber ich bin sicher: Das zweite Anschneiden hat eine ganz tiefe Bedeutung. Mit diesem anarchischen Akt nimmt man sein Schicksal selbst in die Hand und wendet ein böses Ende ab. Denn dem Anfang, dem Anschnitt, den alle lieben, steht nach vielen Mittelscheiben das „schlechte“, trockene Ende gegenüber, das keiner mehr haben will. Wenn man hingegen von zwei Seiten her schneidet, hat man zwei gute Anfänge und im besten Fall am Ende eine besonders dicke Scheibe. (Oder ein schiefes Gebilde, aus dem man nur noch Croutons machen kann.)
Beim Netzstöbern zum Thema Brot habe ich jetzt gelernt, dass es für die beiden Enden in manchen Regionen sogar zwei verschiedene Wörter gibt: Im Münsterland spricht man zum Beispiel vom „Lacheknäppchen“ und vom „Weineknäppchen“. Witzig, oder? Überhaupt ist das Thema Kanten/ Knäppchen/ Knust und was man wo verwendet ziemlich unterhaltsam. Ich sage nur „das menschliche Gesäß“. Bastian Sick hat das mal in der Zwiebelfischkolumne zusammengefasst – Sprachfans bitte hier entlang (aus diesem Artikel stammt auch das Münsterland-Beispiel).

Und jetzt ein Rezept: das Null-Aufwand-Brot

Sonntagabend und das Brot ist alle? Dieses einfache Rezept sichert die Frühstücksbrote für den Montag. Und ist für mich eine gute Gelegenheit, diesen Beitrag mit etwas Nützlichem abzuschließen.
Brotbacken

  • 375 g Weizenmehl Type 550
  • 300 g Weizenvollkornmehl Type 1050 oder Weizenschrot Type 1700 (je nachdem, wie grob das Brot sein soll)
  • ½ Würfel frische Hefe oder 1 Pckg. Trockenhefe
  • 500 ml Wasser
  • eine Prise Zucker (damit die Hefe arbeiten kann)
  • 1-2 TL Salz (je nachdem, wie salzig ihr es mögt)
  • Evtl. Sonnenblumenkerne, Mohn, Nüsse, Sesam, Leinsamen, Weizenschrot, Haferflocken, Kümmel…

Die Zutaten vermengen und in der Küchenmaschine oder mit den Knethaken eines Handrührgeräts gut durchkneten. Den (recht klebrigen) Teig in eine gefettete Kastenform geben, an der Oberseite längs einschneiden und das Ganze in den kalten Ofen auf die unterste Schiene stellen.
Dann erst den Ofen auf ca. 175 Grad Umluft einschalten (wenn ihr einen anderen Ofen habt: wählt die Temperatur, bei der ihr Rührkuchen backt) und das Brot ca. 1 Std. drinlassen. Wenn man die Oberfläche schön glänzend haben will, kann man zwischendurch, wenn das Brot aufgegangen ist, Wasser obendrauf pinseln. Das Brot noch heiß aus der Form nehmen und auf einem Gitter abkühlen lassen. Dann bleibt die Kruste schön knusprig.
Sicherheitstipp: Falls ihr nicht allein wohnt, solltet ihr das Brot nicht mitten in der Küche frei zugänglich auskühlen lassen. Sonst ist es mitsamt Knörzchen, Knust & Co. verschwunden, bevor es auch nur den Hauch einer Chance hatte, zu Brot von gestern zu werden.

2 Kommentare

  1. Liebe Johanna, ich bin eigentlich überhaupt kein Brot-Esser. Das hat bei mir sicherlich tiefe Beweggründe, Stichwort „sich durchbeißen müssen“. Aber dein Rezept hat mich Brot-hungrig gemacht. Das werde ich mal testen. Vielen Dank für den schönen Beitrag und das Rezept. Herzliche Grüße Linda

    • Dann wünsche ich dir gutes Gelingen! Durchbeißen muss man sich bei dem Brot nur durch die leckere Kruste. Danach geht alles ganz easy… LG Johanna

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