Gut abschneiden! Was Erfolg mit Geduld zu tun hat.

Zoom auf Heckenschere - sieht aus wie ein Gesicht

Immer, wenn ich an ihnen vorbeikomme, schauen meine Gartenscheren mich so erwartungs- bis vorwurfsvoll an. Tu doch was! Sie wissen noch nicht, was ich kürzlich erfahren habe: Vor März dürfen sie gar nicht mehr raus. Dabei wollten wir uns jetzt schon den Erfolg des nächsten Jahres zurechtschneiden.
Erfolg – das sind in diesem Fall möglichst viele möglichst große Äpfel. Produzieren soll sie unser Mini-Apfelbäumchen namens Rebella. Klingt charmant, oder? Tatsächlich hatte ich auf einen schnellen Schnitt gehofft, als ich mich für Mitte November zu einem Obstbaumschnittkurs anmeldete. An Bäumen und Sträuchern rumzuschneiden ist ja eine meiner gar nicht so geheimen Leidenschaften. In der Gartensaison kann man mich mit Scheren und Sägen aller Größen durch den Reihenhausgarten tigern und blitzschnell zum radikalen Schnitt ansetzen sehen. Ja, die Aussicht, unter Anleitung eines Profis an einem echten großen Baum schneiden zu dürfen, reizte mich sehr. Und auch die Aussicht, im nächsten Jahr den Ernterekord von 17 Äpfeln zu brechen und den lokalen Obsthändlern ernstlich Konkurrenz zu machen.

Baumschnitt: Drei Rebella-Äpfel

Aber wie das so ist mit der Natur: Planbar ist nichts oder nur wenig. Laut Kursbeschreibung solle man ein Bild seines entlaubten Baum-Sorgenkindes mitbringen. Da geht es schon los: Mein rebellischer Baum weigert sich beharrlich, sich seiner Blätter zu entledigen, und so kann ich an einem trüben Novembertag nur jede Menge Blätter im Vorder- und Hintergrund fotografieren. Naja. Robustes Schuhwerk, eine warme Jacke und eine Rosenschere sind schnell eingepackt an diesem kühlen Samstagmorgen, eine Woche vor dem ersten Schnee.

Erkenntnis Nr. 1: Grelle Farben sind was für Dilettanten

 

Baumschnitt: Gartenwerkzeuge einer Hobbygärtnerin

Aus meiner „Waffensammlung“, mit der ich bis dahin recht zufrieden war, nehme ich also nur eine kleine Rosenschere mit zum Kurs. Man braucht ja auch nicht alles für den Baumschnitt. Die Veranstaltung ist gut besucht: Mit mir haben sich etwa zwanzig schnittbegierige Leute mit hochgezogenen Schultern (wegen der Kälte) und zunehmend gestraffter Kinnpartie (wegen des Nach-oben-Guckens) auf der Streuobstwiese der Ökologiestation versammelt. Bevor es ans Schneiden geht, inspizieren wir voller Ehrfurcht den Werkzeugkoffer des Baumschnitt-Lehrers. Die wirklich imposanten meterlangen Teleskopwerkzeuge habe ich leider nicht fotografiert.

Werkzeugkasten eines Gartenprofis

Klarer Fall: Wer im Baumarkt kauft, outet sich als Dilettant. Werkzeug in Türkis, Gelb oder Orange (soll man eigentlich die Marke wiedererkennen oder die Geräte im Laub besser wiederfinden?) ist offenbar unprofessionell. Rot harmoniert ja auch viel besser mit den herumliegenden Äpfeln. Je unscheinbarer das Gerät, desto effektiver: Der Profi setzt unglaublich schnelle, glatte Schnitte am Demonstrationsobjekt, einem mittelgroßen Apfelbaum. Ohne zu knacken oder zu splittern rauschen die Äste zu Boden. Japanischer Stahl ist das Buzzword, das die erfahreneren Teilnehmer einander zuraunen. Kaufen soll man das beim Raiffeisen-Händler. Aha. Ich wüsste nicht mal, wo ich den finde. Oder im Netz. Wenn man weiß, was man will. Wie gesagt, ich bin voller Bewunderung – und lasse meine eigene Schere in der Tasche. Beim Zuschauen lerne ich sowieso schon genug.

Erkenntnis Nr. 2: Ein Baum braucht mehr Geduld, als ich dachte

„Diesen Ast lasse ich fürs nächste Jahr stehen!“ Das klingt für mich so wie „Kartoffeln am Vorabend kochen“ oder „Eier zwei Tage vorher trennen“ in Kochrezepten. Ein derart hoher Planungsgrad überfordert mich – wollte ich nicht jetzt sofort das Gelernte an meinem eigenen Baum umsetzen? Es kommt noch besser: vorausplanen für drei Jahre!  Ich bin allerdings beeindruckt von der Fürsorge, mit der der Profigärtner sich in den Baum hineindenkt und zu verstehen versucht, was er braucht, um sich zu entfalten. Toll finde ich auch, dass er den richtigen Punkt findet, um zu sagen, jetzt ist Schluss, den Rest macht der Baum. Ich neige ja beim Schneiden eher dazu, hier noch ein Ästchen und da noch ein Blättchen zu entfernen und nie ein Ende zu finden. Muss ich mir für andere „Baustellen“ meines Lebens merken.

Baum-Foto mit Schnittmarkierungen

Später, als meine Zehen im warmen Seminarraum auftauen und unser Dozent sich Bilder von meinem Bäumchen anschaut (trotz der Blätter kann er was erkennen), rät er mir: Bloß nicht jetzt im Herbst schneiden! Da wächst der Baum viel zu schnell. Lieber erst im Frühjahr und auch dann nur ganz wenig. Ich mache mir hektisch Notizen, damit ich bis dahin nicht alles vergessen habe, und setze auf dem Bild den Rotstift an, wo ich nächstes Jahr die Schere ansetzen soll.
Jetzt heißt es also drei bis vier Monate warten – und sehnsüchtig aus dem Fenster schauen, in Gedanken Schnitte ansetzen, erwartungsvoll planen… Komischerweise ertappe ich mich niemals bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, wenn man jetzt schon die Gartenmöbel schrubben könnte – obwohl frisch geschrubbte Möbel kurzfristig ein ähnliches Gefühl der Befriedigung vermitteln wie eine frisch gestutzte Hecke. Vermutlich ist es der Motivation hinderlich, dass das Ergebnis so vorhersehbar ist: Nächstes Jahr wird das Holz wieder genauso voller Ruß und Grünalgen sein wie jedes Jahr – und „das lasse ich für’s nächste Jahr stehen“ ist gar keine gute Lösung. Das weiß ich aus Erfahrung, auch ohne Kurs.

Lesetipps aus meiner Netzstöberkiste

Tutorials für Gartenfans:
Die Winter-Wartezeit vertreibe ich mir gerne mit den ebenso lustigen wie lehrreichen How-to-Videos mit Markus Kobelt, zum Beispiel zum Thema Geduld im Garten. Der Schweizer Gartenfachmann („…und glauben Sie nicht alles, was ich Ihnen erzähle“) ist so sympathisch, dass ich mir sogar Pflegeanleitungen für Pflanzen anschaue, die in meinem Garten niemals Platz finden würden.

Eine Twitter-Story für Kreativarbeiter:
Webdesigner Tom Arnold vergleicht in einem Tweet Heckenschneiden mit Designprojekten. Viele seiner Kollegen kommentieren nach dem Motto „„Der alte Schnitt der Hecke hat uns besser gefallen. Können wir die zum Vergleich noch mal sehen?“. Die Zusammenfassung findet ihr auf dem Blog Webrocker (aus 2014, aber immer noch großartig).

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2 Kommentare

  1. Ich habe leider überhaupt keinen grünen Daumen… ich kann mit Mühe und Not die paar Pflanzen hier am Leben erhalten (im Winter sehen diese aber ganz schön kümmerlich aus…) und an Experimente im Garten ist gar nicht erst zu denken. Wir haben hier noch einen recht betagten Apfelbaum stehen, der jedes Jahr noch ein paar Äpfel fallen lässt. Aber gut schmecken tun die wirklich nicht.

    • Da hilft der Schnitt wahrscheinlich auch nicht. Aber Kompottkochen mit viel Zimt und Zucker. 🙂

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