Brief an die Bürokatze

Schlafende Büro-Katze

Liebe Bürokatze,

seit anderthalb Jahren teilen wir uns jetzt ein Büro. Im Großen und Ganzen kommen wir sehr, sehr gut miteinander aus. Wenn da nicht die Sache mit dem Schreibtischstuhl wäre.

Kein Frage: Du bist das Wesen, mit dem ich tagsüber am meisten rede, wenn ich nicht gerade einen telefonintensiven Job auf dem Tisch habe oder außer Haus bin. Ich finde es sehr angenehm, dich mit deinem flauschigen Charme in meiner Bürogemeinschaft zu haben. Aber bitte: Mein Schreibtischstuhl ist MEIN SCHREIBTISCHSTUHL! Jedes Mal, wenn ich mit einem frischen Tee aus der Küche zurückkomme, finde ich dich auf meinem Platz vor. Wenn du dann wenigstens meine Arbeit machen würdest! Aber du stellst dich schlafend. Und ich bringe es nicht übers Herz, dich zu wecken. Also setze ich mich rücksichtsvoll ganz vorn auf die Stuhlkante, bis die Region um die Sitzhöcker vollkommen taub geworden ist. Wenn ich auch nur ein bisschen nach hinten rutsche, grunzst du unwillig. Da muss sich was ändern!

Insgesamt, liebe feline Assistentin, sorgst du bei uns in vorbildlicher Weise für Disziplin. Gleich nach dem ersten Weckerklingeln (oder auch schon vorher) erinnerst du mich durch lautes Randalieren vor meiner Schlafzimmertür daran, dass es Zeit für dein Frühstück ist. Allerhöchste Zeit. Kurz vor acht kommst du von deiner morgendlichen Laufrunde zurück (die machst du leider allein – täte mir auch gut!), marschierst schnurstracks Richtung Büro und setzt dich maunzend vor die Tür. Zeit, mit der Arbeit zu beginnen! Im Katzensinne heißt das, einmal durch den Raum zu streifen und dann ordentlich zu schlafen. Apropos ordentlich: Offenbar gefiel es dir nicht, dass ich vor einigen Wochen tagelang, ach, was sag ich, wochenlang, vorsortierte Papierstapel auf dem Fußboden parkte. Du musstest immer drumherum gehen und deine Wälzfläche auf dem Teppich war deutlich eingeschränkt. Vielleicht hast du mir deshalb eines Morgens diese junge Ratte mitgebracht? Und den letzen Kampf mit ihr über die Stapel hinweg ausgefochten? Ich muss gestehen, die erlesene Mischung aus Blutspritzern und durchwühlten Versicherungskorrespondenzen hat dafür gesorgt, dass die Papiere zügig abgeheftet wurden und der Teppich eine desinfizierende Reinigung erhielt. Dabei war Samstag und ich hatte eigentlich in Ruhe frühstücken wollen. Herzlichen Dank, so geht Anti-Prokrastinations-Training heute!

Auch sonst hältst du mich fit, Stichwort „betriebliche Gesundheitsförderung“. Nichts treibt meinen Puls so sehr in die Höhe wie das Mäusejagen (schaffe ich inzwischen zu jeder Tageszeit mit links) oder auch das Verabreichen einer Wurmkur-Tablette. Was für ein Adrenalinkick, wenn ich dir den Kiefer öffnen und die Tablette in den Rachen werfen darf! Aber diese etwas brutale Tour muss ja sein, da du die einzigartige Fähigkeit besitzt, einen ganzen Napf mit Futter sorgfältig auszuschlecken und nur die stecknadelkopfgroße, farblich getarnte Tablette liegen zu lassen. Ich glaube, der Hersteller schreibt das mit dem „unter das Futter mischen“ sowieso nur in die Anleitung, damit man ein Vielfaches dieser teuren Dinger kauft, bis sie endlich im Katzenmagen landen.

Gleichzeitig und vor allem sorgst du für mein Wellness-Programm und eine gute Work-Life-Balance. Es gibt kaum etwas Entspannenderes, als dir beim Entspannen zuzusehen. Ich muss jedes Mal lachen, wenn du von deinem Schlafplatz auf dem Fensterbrett aufstehst, dein Stretchingprogramm absolvierst, über den Schreibtisch spazierst, im Vorbeigehen auf der Tastatur ein paar Zeichen tippst, einen kritischen Blick in meine Teetasse wirfst und dich dann schnurrend auf meinem Schoß zusammenrollst, um weiterzuschlafen. Oder wenn du von draußen reinkommst und mir erst einmal ein Ohr abquatschst: Du erzählst (nehme ich an) vom Kampf mit dem roten Rambokater aus der Nachbarschaft, von den tollen Mäusen und Vögeln, von der wunderbar lockeren Erde im Blumenbeet oder vom Wetter. Katzen untereinander miauen gar nicht, habe ich mal irgendwo gelesen.  Also vermute ich, dass du dir dieses Begrüßungs-Quasselritual bei deinen menschlichen Mitbewohnern abgeschaut hast. Wir lernen ja so viel voneinander und sind ein richtig gutes Team. Aber bitte, lern noch das mit dem Schreibtischstuhl…

Mit kollegialem Miau und bestem Dank im Voraus

Johanna

Büro-Katze mit Weihnachtskarte

PS für die Nicht-Katzen unter meinen Lesern: Zu diesem Beitrag inspirierte mich ein Blogpost von Annika Ingrid alias ningrid.de mit Themen-Tipps (ansonsten hat sie übrigens hilfreiche Anleitungen für Foto-Noobs auf Lager!). Ein Anfang ist mit Tipp 50 jedenfalls gemacht. Irgendwann schreibe ich vielleicht über „What’s in my bag“ (17) oder „Meine Meinung über schwarzen Lippenstift“ (47), wer weiß. Oder ich verfasse noch mehr Briefe. An meine Eulentasse, an meinen Lieblingskugelschreiber oder an den Erfinder des selbstklebenden Flipchartpapiers. Was wollt ihr hier gern lesen?

3 Kommentare

  1. Habe mich bestens amüsiert, so schön aus dem ( Katzen-) Leben gegriffen. Sehr bewundert habe ich Dein tolles Aquarell, du kannst ja durchaus nicht nur Bauchnabelvögel!

  2. Pingback: Brief an den Zaunkönig | Zwischen zwei Stühlen

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