Lettering ist wie Töpfern mit sauberen Händen. Ein Erfahrungsbericht.

Lettern ist wie Töpfern mit sauberen Händen

Seit Neustem mache ich Schwungübungen. Nicht mit Hanteln oder Stöcken, sondern mit speziellen Pinselstiften auf streichelglattem Papier. Brush Lettering heißt der „höllische“ DIY-Trend, dem sich eine wachsende Community verschrieben hat.

Hipster häkeln nicht mehr, sie töpfern jetzt, las ich neulich. Sie brauchen das. Klar: Wer überwiegend digital unterwegs ist, ohne greifbare Ergebnisse zu bekommen, muss sich erden, zur Not mit Ton. Nun bin ich ja kein Hipster, aber zum Ausgleich mit den Händen zu werkeln macht mir auch Spaß. Die Säuberung der Hände oder der Kleidung sollte allerdings nicht mehr Zeit in Anspruch nehmen als die kreative Tätigkeit an sich. Brush Lettering ist in der Hinsicht perfekt für mich. Diese „saubere“ Alternative zum Töpfern löst zurzeit in den sozialen Netzwerken, im Künstlerbedarf-Fachhandel und bei Herstellern von Zeichenmaterial eine Riesenwelle aus. Ganz oben auf der Welle schwimmt Frau Hölle. Oder besser gesagt: Sie schwimmt voran und eine begeisterte Anhängerschaft hinterher. Frau Hölle alias Tanja Cappell ist für Freundinnen und (ein paar wenige) Freunde des kreativen Handletterings das, was Beauty-Youtuberinnen für Teenager sind: Stilikone, Aufklärerin und Shoppingguide. Und ein Magnet im Netz.

Haptisches Erleben und digitales Lernen ergänzen einander perfekt

Üben, üben, üben lautet die Devise. Aber wie anfangen? Bei mir war es so, dass ich irgendwann auf Instagram auf die Lettering-Challenges von Frau Hölle aufmerksam wurde. Jeden Tag gibt sie ein Stichwort vor, und die Fangemeinde produziert und postet unter dem Hashtag #letterattackchallenge eigene Interpretationen. Newbies können auf der Website von Frau Hölle gegen wirklich kleines Geld den Letterattack Brush Lettering Guide herunterladen, auf sehr glattem Papier ausdrucken (normales Kopierpapier runiert die Pinselspitzen!) und loslettern. Für jeden Buchstaben gibt es Beispiele zum Nachspuren, außerdem leere Seiten mit einem speziellen Linienraster.

Türkisfarbenes Handlettering in Kreisform
Bekannt geworden ist Tanja Cappell schon vor längerer Zeit mit ihren Sketchnotes-Workshops und Online-Aktivitäten zu diesem Thema. (Mal für die Größenordnung: Auf Instagram hat sie mehr als 37k Abonnenten!) Während Sketchnoten aus meiner Sicht eher was für den Kopf und für den Beruf ist, ist Brush Lettering die Variante fürs Herz – mit einem noch größeren Follower-Potenzial. „Ich bin endlich nicht mehr hobbylos. Der Guide ist so toll!“, zitiert Frau Hölle aus einem Feedback. Die Zahl derer, die jetzt endlich ein Hobby oder aber eins mehr haben, wird bundesweit wohl in die Tausende gehen.

Wie die Münchner Bloggerin die archaische Kunst des Schönschreibens pflegt und im Digitalen vermittelt, ist grandios. Ihre Video-Anleitungen und die Infos auf ihrem Blog sind so anschaulich und mitreißend gemacht, dass man meint, direkt im Zeichenkurs bei Frau Hölle am Tisch zu sitzen. Das gilt vor allem für die interaktiven Live-Tutorials auf Periscope, die sie im Nachgang auch auf Youtube postet. Da geht es im sympathischen Plauderton vor allem um Lettering-Techniken und Materialien. Spannend finde ich aber auch die Tipps zu Apps und Tools, mit denen sich die Letterings schnell und einfach digitalisieren und nachbearbeiten lassen, bevor man sie der Netzgemeinde präsentiert. Eine runde Sache, und wenn die Technik mal hakt, sehen wir Frau Hälle das nach, denn schließlich tut sie das alles nur für uns – kostenlos.

Zwischen Härtetest und Streicheltest

Zum Lettern braucht man nichts außer Papier und Stift. Stimmt. Aber nicht irgendwelches Papier und schon gar nicht irgendwelche Stifte. Brushpens – synthetische Pinselstifte – müssen es sein. Und gaaaaaanz glattes Papier, blanko oder mit Punktraster, das es nicht an jeder Ecke zu kaufen gibt. Entsprechend dreht sich in Frau Hölles Facebook-Gruppe „Letterattack“ einiges um die Dealer-Frage: Was gibt es wo für wievel? Was taugt das Material? Zu hart, zu weich, zu fransig? Wer richtig tief einsteigt, lässt sich Spezialwerkzeug direkt aus Japan oder UK schicken – mit den entsprechenden Lieferzeiten und saftigen Zollgebühren. Und berichtet von seinen Käufen. Gute Werkzeuge sind ja irgendwie auch Statussymbole.

Schriftprobe und viele bunte Brushpens
„Frau Hölle made me buy it“ ist zum geflügelten Hashtag der Brush-Lettering-Community geworden. Wenn Tanja vor laufender Kamera liebevoll ein glattes Papier streichelt, hat das schon ein bisschen was von Perwoll-Werbung. Längst haben Hersteller reagiert und bieten im Online-Handel spezielle Frau-Hölle-Rabatte an. Und ich habe gelernt, was hinter Buzzwords wie TombowPentel BrushpenNeuland WhiteOnePaperscreen oder Boesner steckt. Zu Letzterem kann man sogar hinfahren, wenn einen der Appetit auf neues Zeichenmaterial überkommt. Als ich neulich bei der hiesigen Filiale vorbeischaute, war das einschlägige Regal allerdings ziemlich abgegrast. Frau Hölle ist schuld, nehme ich an.

Zeigt her eure Letterings

Viele Handlettering-Infizierte verleihen ihrer neuen Leidenschaft in Gruppen oder mittels Hashtags in verschiedenen sozialen Netzwerken öffentlich Ausdruck und inspiereren mit ihren Arbeitsproben diejenigen, die sich das nicht trauen. Auf Papier machen die Schreibschriftbilder natürlich auch was her, aber zum Glück nicht zu viel, rein physisch gesehen. So lassen sie sich, anders als getöpferte Vasen oder gehäkelte Kissen, platzsparend aufbewahren. Oder verschenken, zum Beispiel als belettertes Notizbuch, als gestaltete Karte oder gerahmtes Minibild – mit individuellen Texten.

Handlettering "Zähneputzen"
Und was schreibt man da so? Alles mögliche. Lebensweisheiten, die man früher in Kreuzstichdeckchen umsetzte und die heutzutage die sozialen Netzwerke verstopfen, finden ihren Weg in aufwändige Letterings. Wer mag, kann tiefsinnige Worte mit Aquarellblümchen oder Glanz und Glitzer weiter ausschmücken. Ich bin von Natur aus mehr fürs Praktische oder Schräge à la Sams oder Känguru zu haben und setze diese Art von Sprüchen in einer Kombination aus Lettering und Zeichnung um.

Außerdem habe eine sehr alltagstaugliche Übungstechnik entwickelt: Deeskalation per Lettering. Wenn ich mich gerade über jemanden, vorzugsweise mich selbst, geärgert habe, greife ich nach einem Pinselstift und bringe in wundervoll geschwungenen Lettern zunächst unschöne, dann immer nettere Wörter zu Papier. Das Material ist dabei allerdings nicht von der teuren Sorte, sondern Billiges, das anschließend in die Tonne wandert. Probiert es mal aus, es hilft!

Schnörkseln sorgt für den kreativen Flow

Bisher hießen sie bei mir Schnörkel ohne „s“, aber seit ich brushlettere, finde ich „Schnörksel“ (O-Ton Frau Hölle) viel schöner. Das Wort beschreibt lautmalerisch die Lust am überflüssigen Dekoelement. Diese Konzentration auf die Pirouette der Pinselspitze, diesen Spitzentanz über das Parkett, äh, Papier, bei dem der Pinsel beinahe abhebt und nur eine ganz feine, elegant geschwungene Spur hinterlässt, richtet die Gedankenströme völlig neu aus. Die Buchstaben beginnen zu hüpfen, geraten in Bewegung und versetzen mich (manchmal) in einen kreativen Flow.

Handlettering "Schnörksel sind Entspannung pur"
Neben der Haptik des streichelglatten Papiers gehört ein akustischer Effekt zum multisensorischen Lettering-Erlebnis: Wenn man bei den Abstrichen den Druck auf den (in korrekter Stifthaltung befindlichen) Brushpen erhöht, um einen schön breiten Strich zu erzielen, darf ein Quietschen zu hören sein – es sorgt für den gewissen Rhythmus beim Arbeiten. Nur dann und wann durchbricht hektisches Wühlen in der Stifteschachtel oder das leise Ploppen beim Auf- und Absetzen der Stiftkappen meine Lettering-Trance.
Falls ihr bisher noch kein Tutorial von Frau Hölle gesehen habt: Schaut euch so eine Periscope-Session live oder auf Youtube an! Wenn sie von Schnörkseln und Schnörkselchen schwärmt, während sie diese ausführt, und die Zuschauerinnen ihre Herzlichkeit mit blubbernden Herzchen belohnen, bleibt kein Auge und kaum ein Blatt trocken. Versprochen: Auch Zuschauen ohne Stift und Papier ist himmlisch entspannend.
Danke, Frau Hölle, und schnörkselige Grüße!

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